Sagen

 

Dieser Name deutet daraufhin, daß wahrscheinlich daran einst eine kleine Mühle, ein „Mühleken“, gelegen haben mag. Heute ist das Bächlein allerdings zu winzig, um eine Mühle zu treiben. Aber als der Drieberg noch bewaldet war, dürfte die Quelle reichlicher Wasser gespendet haben.

Westlich von der genannten Chaussee hatte die Westerburger Herrschaft einen großen, von dem Mülkebächlein mit Wasser gespeisten Fischteich, an dessen Ufern sich viele Fischkästen befanden. (Seit der Separation 1848 aber ist dieser Teich in Ackerland verwandelt. Nur der Name des Feldes, „der Dieck“, erinnert noch an denselben.)

Ringsum war der Teich von breitem Gebüsch umgeben, welches besonders im Herbste von den Rohrsheimer Kna­ben gern und oft aufgesucht wurde, um daselbst zum Fange von Rotkehlchen Sprenkel aufzustellen. Bei der Tiefe des Teiches und seiner teilweisen hohen, steilen Ufer war je­doch dieser Ort für Kinder nicht ohne mehrmals ein Knabe von dort nicht lebend heimgekehrt und im Teiche ertrunken sein.

Deshalb gestatteten die Eltern ihren Kindern nur ungern nach dem „Dieke“ zu gehen und suchten sie durch öftere Erzählung folgender Geschichte davon zurückzuschrecken:

Sie lautete: Die große und starke Tochter des Burgwäch­ters von Westerburg, namens Lieschen, habe öfters anstel­le ihres Vaters die Fische in den mit starken Schlössern versehenen Kästen am Dieke gefüttert. Sie trug dann in einem Korbe zerschnittene Fleischstückchen und anderes Futter für die Fische, während sie in der anderen Hand ein großes Schlüsselbund hatte. Nicht selten habe sie nun am Dieke angelnde Knaben getroffen und diesen, da sie ihr wiederholtes Verbot nicht beachteten, angekündigt, den nächsten Knaben, den sie ertappte, zu Stücken zu schnei­den und diese als Futter für die Karpfen in die Fischkästen zu streuen.

Kurze Zeit nachher sei auch ein Knabe, der ins Gebüsch gegangen, verschwunden, denn das „Fischer-Lieschen“ hätte ihn erhascht, geschlachtet, zerschnitten und mit dem Fleische die Fische gefüttert.

Das Fischer-Lieschen oder die Schlüsseljungfer aber wandle seitdem mit einem Schlüsselbunde in der Hand ru­helos am Dieke umher.

 

Davon erzählt man sich folgende Sage. Ein junges Mäd­chen aus Rohrsheim, namens Antike, ging einst nach Groß­Üplingen als Gevatterin zu einer Taufe. Als üblichen Bei­trag zum Taut schmause trug sie in einem neuen Tragkorbe ein kunstvoll verziertes großes Stück Butter, eine so genannte Butterwecke, sowie ein frisch gebackenes, langes Brot von ebenfalls nicht geringem Umfang. Außerdem hat­te sie unten im Korbe ein Paar nagelneue Schuhe, die sie erst zum Gange zur Kirche anziehen sollte.

Eitel, wie heute noch manches junge Mädchen, ging An­tike an das unterhalb Groß-Üplingens entspringende Bäch­lein, um in dessen klarem Spiegel Ihre Erscheinung zu prü­fen. Sie setzte ihren Korb zur Erde und nahm aus demsel­ben ihre neuen Schuhe, um sie bereits anzuziehen, damit sie den ihr etwa Begegnenden schon möglichst fein erschei­nen möchte. Dabei legte sie das Brot auf den Rasen und setzte beim Zubinden der Spannbänder Ihren Fuß darauf.

Als sie ihrem eitlen Sinn Genüge getan hatte, wollte sie das Brot wieder aufheben und in den Korb legen.

Aber, oh Schreck! das Brot, welches sie mit den Füs­sen getreten, war zu einem schweren, braunen Steine ge­worden. Voller Entsetzen sprang Antike zur Seite, geriet dabei In die breite, als Brunnen dienende Quelle und ver­sank darin für immer. Der Stein aber, welcher die Form des Brotes und das
Mal ihres Fußes behielt, liegt heute noch da und wird das „steinerne Brot“ und jene Quelle das „Antikenspring“ ge­nannt.

Nach der Separation wurde die brunnenartig erweiterte Quelle teilweise verschüttet, und auch das steinerne Brot versinkt immer mehr, so dass gegenwärtig nur noch seine Oberfläche aus dem Boden hervorschaut, Form und Fußmal sind jedoch zur Zeit noch erkennbar.

 

In diesem Grunde befinden sich auf dem hessischen Anteile zwei brunnenartige Wasserlöcher von etwa zwei Meter Tiefe.Nach diesen, stets bis an den Rand mit Wasser gefüllten Vertiefungen, deren Grund aus ganz weichem Schlamm besteht und welche von den Bewohnern der Umgegend die Brautlöcher (plattdeutsch: Brutlöcker) genannt werden, hat diese Stelle des kleinen, vom Bräuklingsbache durch­flossenen Tales den Namen das Brautloch. Über die Ent­stehung dieser Wasserlöcher berichtet folgende Sage: Vor sehr langen Jahren heiratete ein junger Bauer aus dem am Westabhange des Drieberges gelegenen Dorfes Groß-Üplingen eine junge Bäuerin aus Deersheim. Don­nerstag nach Weihnachten fand die Hochzeit dieses reichen Paares statt. Ihrem Reichtum entsprechend ward auch die Hochzeit hergerichtet. Ein fetter Ochs, zwei Schweine, mehrere Kälber und Hammel sowie eine Anzahl von Hüh­nern waren dazu geschlachtet, ferner mehr als 100 Kuchen gebacken und außerdem eine Menge anderer Speisen zuge­richtet, um die Eßlust der zahlreichen Gäste zu genügen. Daneben sollten sich die Durstigen an dem Inhalte eines Fasses Branntwein und etlicher Tonnen Bieres in unbe­schränkter Weise erlaben. Nachdem die Trauung vollzogen war, überließen sich denn auch die Gäste in durchaus nicht schüchterner Weise den Tafelgenüssen umso mehr, als auch die lustigen Wei­sen der Osterwiecker Stadtpfeifer zu immer größerer Fröh­lichkeit anregten. Von Stunde zu Stunde wurde die Fest­stimmung lebhafter, bis dann das Gastmahl allmählich in wüstes Gelage ausartete. Die ganze Nacht hindurch wurde gespielt, getanzt, ge­gessen und getrunken. So gings fort bis zurr Sonntag. Als da die Kirchenglocken zum Gottesdienste riefen, trat der Vater der Braut zu den Gästen und forderte sie auf, nach herkömmlicher Weise mit dem jungen Ehepaare zur Kir­che zu gehen. Lachend erwiderte man ihm: „Zur Kirche gehen wir heu­te noch nicht, heute ist noch Hochzeit!“ – „Wir bleiben hier“, sagten etliche Üplinger, „und wenn wir deshalb zur Hölle fahren sollten. Es Ist ja auch bloß Brauch, am Sonn­tage nach der Hochzeit das neue Ehepaar zur Kirche zu be­gleiten und das besorgen wir in Üplingen.“Darauf holten, wie solches auch schon am Freitag- und Sonnabendmorgen geschehen war, etliche junge Burschen ein Pferd aus dem Stalle und spannten es vor eine Art Schlitten, eine sogenannte Schleppe (Schleife), auf wel­che ein Bund Stroh gelegt wurde. Hiermit zog nun ein joh­lender Trupp nebst einigen Musikanten zu den Häusern, in denen man solche Gäste vermutete, die, um etwas der Ru­he zu pflegen, sich heimlich aus dem Hochzeitshause entfernt hatten. Wurde man eines solchen habhaft, so setzte man ihn ohne Gnade auf die Schleife und führte ihn mit wildem Jubel nach dem Hochzeitshause zurück. Diejenigen dagegen, welche die Sucher zeitig bemerk­ten, suchten durch die Hintertüren der Häuser über Hecken und Zäune zu entfliehen, wurden aber bis zum Hochzeits­hause unter lautem Geschrei verfolgt. Weithin und bis In die Kirche hinein erschallte der tolle Lärm.

Solche ausgelassenen Streiche wurden den ganzen Sonntagvormittag hindurch fortgesetzt. Als dann zur Mit­tagszeit wieder alle Gäste versammelt waren, ging es von neuem ans Schmausen, bis endlich nach alter Sitte des „letzte Gericht“, der Sauerkohl, aufgetragen und da­durch den Gästen ein Zeichen gegeben wurde, daß das Hochzeitsmahl hiermit beendet sei. Herkömmlicherweise trug man den Sauerkohl in gebor­stenen oder sonstigen Schüsseln von geringerem Werte auf, da die Gäste auf eine sonderbare Art und Weise Ihre Aner­kennung der reichlichen Bewirtung auszudrücken pflegten. Diese Schüsseln wurden nämlich ohne weiteres nebst Inhalt zum Fenster hinausgeworfen oder den Gaffern auf dem Hofe gegeben. So auch hier. Schüsseln und Sauer­kohl flogen zum Fenster hinaus und somit hatte das Hochzeitsmahl sein Ende erreicht. Hierbei war es spät nachmittags geworden und die De­zembersonne neigte sich bereits, um hinter den Herzber­gen zu verschwinden, als das Brautpaar und die Gäste aus Groß-Üplingen zur Heimfahrt sich rüsteten. Kaum hatte man Deersheim im Rücken, so brach die Dunkelheit schnell herein und als man zur Üplinger Wiese kam, konnte man nichts mehr vom Wege sehen, umsowe­niger, da auch eine dichte Nebelschicht auf der Sohle des Tales lag. Die Wagen lenkten links ab in die Wiese und fuhren darin fest. Immer tiefen stampften sich die Pferde in den weichen, moorigen Boden hinein, bis endlich sämtliche Wagen mit ihren Insassen, sowohl der Brautwagen, als auch die Wagen der begleitenden Gäste, in die Tiefe san­ken. Am folgenden Tage fand man in der Nähe der Wiese nur große, tiefe Löcher, bis zum Rande mit Wasser ge­füllt; von den Brautleuten und ihren Gefährten aber ist nie wieder eine Spur zutage gekommen.

Nur nachts wollen hin und wieder Schäfer, die mit ih­ren Hürden In der Nähe standen, oder verspätete Wande­rer aus der Tiefe eine klagende Musik vernommen haben.